Westländisches Magazin für moderne Fotografie
(23.3.2026)
"Eine Fotokamera ist keine Ritterrüstung."
Interview mit dem Fotografen Michael Stiegler
Florian Uwe Weilmann: Zunächst einmal Danke dafür, Herr Stiegler, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben, auch wenn das jetzt doch sehr lange gedauert hat, bis es geklappt hat.
Michael Stiegler: Was hat geklappt?
FUW: Naja, ich meine unser Treffen.
MS: Ach so, klar, verstehe. Also ich bitte um Verständnis. Gestern die Ausstellung in München, morgen Wandbilder abbauen, übermorgen die nächste Ausstellung planen. Immer Termine, immer ist was los. Und die Fotos machen sich ja auch nicht von selber. Denn was sagen wir Fotografen gerne? Mein Daumen macht das Foto, nicht die Kamera! (Lacht.)
FUW: Nun, aber jetzt hat es ja doch geklappt.
MS: Definitiv.
FUW: Bevor wir nun aber auf Ihre Fotografie zu sprechen kommen, noch eine persönlich Anmerkung zu Ihrer Website. Sie scheint mir im Vergleich zu den Websites vieler Fotografen außerordentlich gelungen: Keine Werbung, puristisch, elegant, sehr übersichtlich ... Haben Sie diese Website selbst gestaltet?
MS: Ich sag mal so: Halb-halb. Ich habe einen professionellen Designer für Fotografen-Webseiten hinzugezogen. Den brauchte ich. Verstehen Sie, ich wollte eben nicht, dass meine Besucher denken, an dieser Website haben gerade Hänsel und Gretel geknuspert.
FUW (lacht): Das ist gut. Geknuspert! Den Spruch muss ich mir merken.
MS: Gerne!
FUW: Also zum Fotografieren. Sie sitzen vor mir und ich muss das unseren Lesern jetzt beschreiben, weil die Sie ja nicht sehen können. Um Ihren Hals hängt eine große Fotokamera, allerdings – und das finde ich etwas ungewöhnlich – ist der Riemen so kurz, dass die Kamera direkt unter Ihrem Kinn hängt. Ich meine, ist das nicht unpraktisch? Wenn Sie jetzt spontan fotografieren möchten, dann geht das ja gar nicht, weil Sie die Kamera nicht vor Ihr Gesicht halten und durchsehen können.
MS: Absolut! Absolut!
FUW: Und, äh ..., also wenn Sie nun spontan fotografieren möchten?
MS: Tja, das ist eine sehr spannende Frage. Nun, ich fotografiere nie spontan. Ich fotografiere nur nach ausgeklügelten, sehr ausgeklügelten Plänen, die einen langen zeitlichen Vorlauf vorsehen.
FUW: Aha. Und wie nehmen Sie dann schlussendlich die Kamera vor Ort ab?
MS: Ich selbst nehme Sie nicht ab. Könnte ich auch nicht. Der Verschluss hinten ist so schwergängig, dass ich das gar nicht schaffe.
FUW: Ja, aber ...
MS: Ich bitte jemanden, dass er mir sie abnimmt.
FUW: Aber wenn Sie alleine sind? Also ich meine zum Beispiel Ihre Landschaftsfotografie. Ist da immer jemand bei Ihnen?
MS: Selbstverständlich. Ich bin ja nicht verrückt und schleppe meine sündteure Fotoausrüstung ohne Begleitschutz durch die Wildnis. Da gehe ich kein Risiko ein. Ich sage immer, ein Fotoapparat ist keine Ritterrüstung! Das verkennen viel zu viele.
FUW: Gut, ähem, und wer dann ... Aber kommen wir auf das Eigentliche zu sprechen. Ihre Fotografie. Was mir auffällt, dass Sie auf unfassbar vielen Feldern unterwegs sind, also nicht nur Portraits wie Martin Schöller ...
MS: Fähiger junger Bursche. Ich vermute, dass der von mir gelernt hat. Study the best to be the best, wie der Ami zu sagen pflegt. (Lacht.)
FUW: ... oder auf Landschaftsfotografie wie Fritz Rumpf ...
MS: Kenne ich auch. Guter Mann. Kann auch Drohne.
FUW: Ich denke auch an die Tierfotografie von ...
MS: Kenne ich vermutlich auch gut.
FUW: Ja sicher, ähem, aber ich meine, also ist das nicht ein auch ein Nachteil, diese Bandbreite Ihres fotografischen Wirkens? Ich meine, kann man denn in mehreren Sparten der Fotografie zugleich perfekt werden?
MS: Nun, ich will hier ganz ehrlich sein. Das weiß ich nicht. Aber ich möchte mich eben nicht eine Schublade pressen lassen. Das hat schon meine Mutter zu mir gesagt, wenn ich meinen Schreibtisch nicht aufgeräumt habe: Eine Schublade langt dir wohl nicht? (Lacht.)
FUW: Sehr weise. Den muss ich mir merken.
MS: Gerne. Tun Sie das!
FUW: Also noch mal zur Bandbreite. Ich meine, verdienen Sie so auch Geld? Die meisten gut verdienenden Fotografen wie etwa Annie Leibovitz ...
MS: Von der habe ich ein Autogramm.
FUW: Sehr schön! Genau. Aber lassen Sie mich die Frage doch stellen: Wenn Sie in so vielen Sparten der Fotografie unterwegs sind, verkaufen Sie da auch so viele Bilder, dass Sie davon leben können?
MS: Mhm, eine schwierige Frage. Ich sage mal so: Ich kann davon leben, aber natürlich nicht nur vom Verkauf von Bildern, sondern auch mit meinen Kursen, Einzel-Coaching und der Unterstützung meiner Eltern. Und auch da ...
FUW: Verzeihen Sie die Unterbrechung, aber Ihrer Eltern? Sie sind ja, ich meine, ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber Sie sind doch schon älter als 50 Jahre?
MS: Definitiv! Definitiv! Aber was tut mein Alter jetzt zur Sache?
FUW: Ich wollte, ja, also zum Verdienen von Geld und ...
MS: Verdienen wird heutzutage überschätzt. Wichtiger ist ein gelingendes Leben. Und wie schrieb schon der alte Aristoteles in seiner Politeia? Breite vor Spitze!
FUW: Ja wahrscheinlich.
MS: Wie, was wahrscheinlich?
FUW: Ähem, also ... Nun, ich denke, das war ein sehr informatives Gespräch für unsere Leser. Ich danke Ihnen.
MS: Nein, ich danke Ihnen!
FUW: Ich aber auch.
MS: Ja. Zum Abschluss noch einen Tip für Ihre Leser? Zum Fotografieren? Habe ich selbst erfunden.
FUW: Gerne!
MS: Wenn die Sonne lacht, nimm die Blende 8!
FUW: Sehr gut! Sehr originell! Wünsche noch einen schönen Tag.
MS: Auch Ihnen! Auch Ihnen!
Die Politeia hat nicht Aristoteles sondern Platon geschrieben. Dieses Fotomagazin hat anscheinend nicht die geringsten Ressourcen für sauberes Redigieren, denn dann wären die "Ähems" sowie einige Missverständnisse der beiden einfach zu streichen. Schade, denn Stieglers Fotos hätten Besseres verdient.
In vielen asiatischen Ländern ist es üblich, die Kamera knapp unter den Kopf zu hängen. Das gilt dort als Zeichen des Respekts, denn man verheimlicht nicht, dass man fotografiert. Allerdings können die Leute dann die Kamera selbst vom Gurt ausklicken und brauchen dazu keine Hilfe.
Ich glaube, ich habe noch nie so ein dämliches Interview gelesen.